Bourges, die AtlantikkŁste und Aquitanien, September 2004 (Vorsicht: lang!)


1) ZÄHLEN

Auch diesen Reisebericht möchte ich mit der allgemeinen Statistik der Fahrt beginnen; damit gibt's dann auch eine schöne Vergleichsmöglichkeit zu der 2003er Tour durch die Auvergne und das Languedoc.

...also insgesamt etwas weniger als 2003, wobei diese Tour im Rückblick teilweise auch etwas übertriebene Tagesetappen hatte. Inzwischen weiß ich besser, welche Strecke ich an einem Tag sinnvoll zurücklegen kann, nämlich ca. 250 bis 300 Kilometer, wenn ich dabei ca. 10-15 Orte anfahre. Dabei war der Bogen, den ich durch Frankreich geschlagen habe, dieses Jahr sogar größer als 2003, wo ich ja nicht bis an die Atlantikküste gefahren bin. Stattdessen habe ich es dieses Mal aber etwas ruhiger angehen lassen (man wird ja auch nicht jünger) und auch mal ein paar Stunden oder gar halbe Tage am Strand eingeplant.

Die schönsten Städte der Fahrt waren Bourges, Bordeaux und Valence, wobei ich letzteres schon von der Provencefahrt im Sommer kannte, aber Valence ist auch mehrere Besuche wert. Ansonsten erhielt noch die beeindruckende Klosteranlage von Noirlac die Höchstwertung.

Leseempfehlungen gibt's diesmal deren zwei: Zunächst Walter Moers: Rumo. Sofort lesen. "Sofort" heißt quasi jetzt gleich, also am besten direkt nach diesem Reisebericht und dem Betrachten der Photos. Und dann zweitens noch etwas mit Bezug zur Reiseroute: Alain-Fournier: Le grand Meaulnes (heißt im Deutschen unverständlicherweise nicht "Der große Meaulnes", sondern "Der große Kamerad"... Fragt mich nicht. Die Handlung, soviel ist jedenfalls klar, spielt in der Nähe von Bourges).


2) BESICHTIGEN

Die Route

Die Fahrt ging vom Saarland nach Bourges als erstes Tagesziel. Von dort führte die Strecke durch das Berry und das Poitou nach La Rochelle und zur Atlantikküste mit den Inseln Ré und Oléron sowie in die Vendée inclusive des Marais Poitevin. Durch die Saintonge ging's weiter über Cognac und AngoulÍme nach Perigueux im westlichen Perigord. Dann habe ich wieder den Bogen in Richtung Atlantikküste geschlagen und bin über Bergerac nach Bordeaux gefahren. Die Stadt diente als Ausgangspunkt für Fahrten durch das Médoc, die Weinregionen um Saint-Émilion und Sauternes sowie die Küstenregion von Lacanau und Arcachon. Der Rückweg führte dann über das Mittelmeer und das Rhônetal mit zweitägigem Zwischenstop in Valence.

Bourges und das Berry

Bourges war eine echte Entdeckung, mit schöner Altstadt, beeindruckender Kathedrale und schönen Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten. Das Berry ist landschaftlich wenig spektakulär: Hügeliges Land, viel Landwirtschaft, dazwischen kleine Orte... Wahrscheinlich ist deswegen auch Bourges selbst als Reiseziel nicht sonderlich bekannt. Spätestens der zweite Blick offenbart, daß auch diese Region einen Besuch absolut wert ist, denn auch hier läßt sich viel Liebenswertes entdecken, zum Beispiel das Kloster Noirlac.

Vendée und Marais Poitevin

Die Vendée ist irgendwie seltsam. Die Landschaft ist einfach nur platt, fast schon eintönig, hat aber gerade dadurch auch ihren speziellen Reiz. Die Leute allerdings kann ich nur als komisch bezeichnen oder - wenn ich sehr böse sein möchte - als "deutsch": Man grüßt nicht auf der Straße, schaut mürrisch und skeptisch - und man fährt aggressiv. Viele Schlösser und Klöster sind "proprietée privée" und werden auch so verbarrikadiert, daß man nicht näher rankommt. Naja, daß die Vendée während der Revolutionszeit die königstreueste Region war und es hier 1793 sogar zu einem royalistischen Aufstand kam, paßt irgendwie dazu. Aber die Revolutionstruppen haben auch dort aufgeräumt.
Schönes gab's hier natürlich auch: Kleinstädte wie Curzon mit der Kirche mit ihrer alten Krypta sind sehr charmant. Und für die vielen Engländer, die hier unterwegs sind, kann man natürlich die Landschaft nicht verantwortlich machen *hüstel* (Sorry, Lizzie). Das Schild "English spoken - Fast food" an einem Restaurant zeugt allerdings von einem recht ansprechenden subtilen Humor. Postkarten aus dem Marais Poitevin gibt es übrigens wahlweise in häßlich, kitschig oder abscheulich sowie in den diversen Kombinationen aus diesen drei Grundformen.

Atlantikküste

Die Küste zwischen Les Sables d'Olonne im Norden und der Girondemündung im Süden bietet viel Abwechslung von felsigen Steilküsten bis zu breiten Sandstränden. Dazu kommen mit der őle de Ré und der őle d'Oléron zwei größere Inseln, die ebenfalls eine Überfahrt lohnen - wenn man nicht zu geizig ist, denn das Viadukt nach Ré kostet 9 Euro Maut, im Sommer sogar fast das doppelte. Nach Oléron kommt man hingegen kostenlos, aber im direkten Vergleich ist Ré doch weitaus hübscher.
Bei der Fahrt zur Ile Madame an der Küste vor Rochefort war richtig schlechtes Wetter: Grauer Himmel, Nieselregen, starker Wind. Naja, an Baden wäre ohnehin nicht zu denken gewesen: Bei Ebbe ist, da die Küstenregion in dieser Gegend äußerst flach ist, das Meer auch schon mal einen Kilometer weit weg von der Uferpromenade. Man kann Ebbe übrigens schon rechtzeitig daran erkennen, daß am Hauptstrand von $BADEORT alle Parkplätze frei sind. Der herrschende Wind mit fiesen Böen (schreibt man das wirklich so??) machte teilweise übrigens auch das Photographieren zum Geduldsspiel.
Zum Geduldsspiel wird auch die Fahrt über die Ile de Ré, deren Hauptstraße, die einzige brauchbare Ost-West-Verbindung auf der Insel, auch im September noch stark befahren ist. Wie das im Juli und August während der französischen Sommerferien aussieht, will ich gar nicht wissen. Immerhin dürften dann die Chancen geringer sein, daß man von einem Opel-Fahrer frontal gerammt wird (dazu später mehr).

Saintonge

In Royan hat's geregnet. Viel geregnet. Zwar nur einen halben Tag, aber dafür heftig. "Starkregen" ist der blöde Ausdruck dafür, den sich vermutlich hippe Meteorologen auf Kachelmann-"Niveau" ausgedacht haben, ihm vor etwa einem Jahr in den hiesigen Wetterberichten zum Durchbruch verhalfen und dessen sprachliche Saudämlichkeit inzwischen schon niemandem mehr auffällt. Ein paar Jahre vorher waren's die Schneegriesel, die vorher nicht existierten und die es dann einen Winter lang ständig gab. ... äh, wo war ich? Ach ja, in Royan. Das wurde während des Zweiten Weltkrieges komplett zerstört und in den 1950er Jahren neu wieder aufgebaut. "Oh je", wird jetzt jeder denken, der schon mal in Köln oder Hannover war, "wer fährt sich denn sowas anschauen, schnell weg hier", aber weit gefehlt: Es ist eine helle Stadt mit weiß gestrichenen Häusern, einigen netten und großzügig angelegten Plätzen, gut proportionierten Wohnanlagen und einer Architektur, die beweist, daß auch in den 50er Jahren nicht alles furchtbar war, was so gebaut wurde. Die Betonkirche allerdings dürfte nicht jedem gefallen; grauer unbemalter Beton innen und außen, der den Bau sehr dunkel wirken läßt (von außen zumindest; innen wirken die Buntglasfenster dafür umso mehr). Ich fand sie sehr interessant und sehenswert. Angesichts des Innenstadtverkehrs hat Royan ebenso wie das nahegelegene Saintes eine gefühlte Größe von ca. 150.000 Einwohnern. Real sind es aber erstaunlicherweise nur 17.000 bzw. 25.000.

Perigord

Das Perigord kannte ich schon von der 2003er Tour und wußte also, daß ich eine sehenswerte Region erwarten durfte. So war denn auch AngoulÍme und dessen Umgebung einer der landschaftlichen Höhepunkte der Reise (wobei das vermutlich historisch noch gar nicht zum Perigord zählt und also in diesem Abschnitt völlig deplaziert ist) und Perigueux einer der kulinarischen Höhepunkte (dazu später noch mehr). AngoulÍme mit seiner engen, auf einem Berg angelegten Altstadt war übrigens eine verkehrstechnische Herausforderung, die die Steigerung durch die stattfindende Oldtimer-Rallye und die hierdurch bedingte Sperrung der halben Innenstadt gar nicht benötigt hätte. Immerhin: Noch enger als die Zufahrt zur Innenstadt war das Parkhaus, in das ich mich geflüchtet hatte; ich hab den Volvo aber trotzdem kratzerfrei in eine freie Lücke gestopft. In Perigueux hat leider das Wetter zum Schlechten gedreht, so daß es mir einen Tag und die Klosterbesichtigung in Cadouin verregnet hat und der graue Himmel auch keine tollen Panorama- und Landschaftsbilder zuließ. aber mit insgesamt etwa dreieinhalb Regentagen in drei Wochen darf ich mich natürlich nicht beschweren.

Bordeaux

Bordeaux ist phantastisch. Das lag nicht nur an der weithin sichtbaren Engelsfigur auf dem Girondistendenkmal, die ich ungefähr 30mal photographiert habe, sondern an dem Gesamteindruck, den die Stadt liefert. Sie wirkt irgendwie majestätisch und hat mich an Sevilla und Riga erinnert, was natürlich die allerbesten Referenzen sind, die man als Stadt haben kann: Der Aufstieg in die erste Liga, quasi. Durch die Innenstadt kann man tagelang laufen, ohne daß es langweilig wird; es gibt prima Einkaufsmöglichkeiten und auch ausreichend Architekturdenkmäler und Museen zu besichtigen. Der örtliche Fußballverein Girondins ist daraufhin in meiner Sympathierangliste gleich ein paar Plätze nach vorne gewandert, obwohl sie sich dieses Jahr anscheinend entschlossen haben, möglichst alle Spiele unentschieden zu beenden.
Außerdem hab ich mich in Bordeaux in eine junge Dame verliebt: Die hatte zwar keinen Namen, hängt aber im Musée des Beaux Arts rum: Das Bild heißt "Elegie" und stammt von Philippe Parrot. Gut, zugegebenermaßen war Hebe in Dijon nochmal deutlich hübscher, aber immerhin. Hebe läuft ja eigentlich auch schon außer Konkurrenz.
Von Bordeaux zur Küste sind es etwa 60 Kilometer Luftlinie und damit auch 60 Straßenkilometer, denn zwischen Bordeaux und Lacanau macht die Route Nationale im wesentlichen überhaupt keine Kurve. Lacanau-Océan ist als Badeort bekannt, und das zurecht; der Sandstrand ist schon toll (das gilt aber auch für alle anderen Orte an der Küste, zumindest bis runter nach Biscarosse kann ich es nun beurteilen). Im Gegensatz zu Arcachon gab es in Lacanau auch etwas größere Wellen, und ein- oder zweimal hat's mich auch kräftig "zu Poden gechleutert". Aber ich schwimme sowieso nur so weit raus, bis ich gerade keinen Boden mehr unter den Füßen habe, und dann schnell wieder zurück ("schwimmen" ist deswegen vielleicht auch schon ein übertriebener Ausdruck).
Arcacon hat eine schöne Strandpromenade mit einem brandneuen Steg - auf dem es äußerst streng nach Hundekot riecht, wofür ich zunächst die zeitgleich mit mir auf dem Steg befindliche "dicke Dame" ((c) Heimito von Doderer) mit dem Daisy-Plagiat verantwortlich machen wollte, ehe eine Erläuterungstafel mich darüber aufklärte, daß das verarbeitete Holz noch ausdünstet und sich der Geruch mit der Zeit verflüchtigen wird. Super. Es riecht wie in der Bedürfnisanstalt, aber Hauptsache, wir haben Tropenholz verbaut. Clever gemacht, Jungs (oder Mädels).
Wem so ein Standardsandstrand (nettes Wort, das) nicht genügend Sand bietet, der möge zur Dune du Pilat pilgern, ein über 100 Meter hoher riesiger Sandhaufen zwischen Meer und Wald; die größte Wanderdüne Europas. Der Dünensand ist so extrem fein, daß man ihn sich trotz regelmäßigen Duschens noch Tage später aus den Körperfalten puhlt.

Valence

...liegt nun ganz woanders, nämlich südlich von Lyon und damit nicht gerade in der Nähe von Bordeaux, aber ich wollte nicht unbedingt am Stück von Bordeaux ins Saarland zurückfahren und habe daher noch zwei Tage im Rhônetal drangehängt. Bis Narbonne regnete es in Strömen, was mich aber nicht davon abgehalten hat, die beiden auf dem Weg befindlichen Zisterzienserklöster aufzusuchen. Am Mittelmeer kam dann aber die Sonne heraus, und das Languedoc zeigte sich von seiner schönsten Seite. Von Valence kannte ich bisher nur die Innenstadt (die übrigens verkehrstechnisch reichlich chaotisch ist) und habe ich mir jetzt auch die Umgebung angeschaut und war von dieser genauso begeistert wie von Valence selbst, vor allem von der Aussicht über das Rhônetal, die die umliegenden Berge bieten. Allemal sehenswert in Valence ist das Café Victor Hugo mit seiner Einrichtung im reinsten Art-Déco-Stil. Und: Valence hat einen Pavillon. Einen echten Pavillon. Nicht sowas wie das Teil, in dem unsere Abteilung derzeit arbeitet.
Die Rückfahrt ins Saarland ging dann fast problemlos vonstatten; das einzige Problem war, daß ich gar nicht zurückwollte.


3) FAHREN

Wie üblich ist Autofahren in Frankreich ein ziemlicher Genuß. Die Autobahn von Orléans nach Nevers hatte ich weitgehend für mich alleine; zwischendurch fragt man sich schon, ob dieser Streckenabschnitt überhaupt schon für den Verkehr freigegeben ist.

Die LKW nerven noch nicht einmal auf den Landstraßen - zumindest nicht als Hindernisse. Tempo 90 ist ja bekanntlich erlaubt, und wenn ich 100 fahre, bin eher ich es, der den freien Warentransport zwischen Lissabon und Minsk behindert. Dafür breitet sich auch in Frankreich die Straßenpest in Form von Kleinlastern und Sprintern aus, die sich genauso saumäßig benehmen wie ihre deutschen Kleinlasterkollegen. Ebenso nervend: Mikroautos (mit höchstens 25 km/h oder so). Die werden übrigens ab März in Deutschland auch auf die Straßen gelassen. Ich freu' mich drauf.

Apropos rasen: Südlich von Nevers liegt die Formel-1-Rennstrecke von Magny-Cours. Und als gäbe diese ungute Strahlungen in die Umgebung ab, ist man in ca. 10 Kilometer Umkreis ständig von Autofahrern umgeben, die sich für mindestens Ralf Schumacher halten und sich entsprechend benehmen. Jedenfalls sei denjenigen nochmals zugerufen: Die Rennstrecke ist da drüben. Geh weg, Idiot. Unmut zusätzlich darüber, daß das Ligier-Museum nicht geöffnet war (die haben den Firmensitz hier, wenn ich das richtig in Erinnerung habe - und bauen übrigens auch die eben erwähnten unsäglichen und unnötigen Mikrokarren). Muß ich also wohl nochmal hinfahren - wegen des Museums natürlich.

Die schlimmste Szene hatte ich allerdings auf der Ile de Ré, wo mir in einer Kurve ein (natürlich) Opel-Fahrer entgegenkam - auf meiner Straßenseite. Das war richtig knapp, und es hätte mich vermutlich auch nicht getröstet, daß immerhin Claude Sautet den tödlichen Autounfall in "Die Dinge des Lebens" (mit Romy Schneider und Michel Piccoli) ebenfalls auf der Ile de Ré gedreht hat... So weit geht meine Liebe zum französischen Film dann doch nicht, und wenn ich schon eine markante Filmrolle von Michel Piccoli nachspiele, dann sollte es doch bitte seine Rolle als Maler an der Seite von Emmanuelle Béart in "Die schöne Querulantin" sein.
Oder wenigstens "Das große Fressen". Zu dem Thema aber später noch mehr, das sagte ich ja schon.

Was ich als Mehr-oder-weniger-Wahl-Heidelberger in Frankreich besonders zu schätzen weiß, sind die Parkmöglichkeiten in den Städten. Bourges begrüßt den Reisenden mit einem ausgeschilderten kostenlosen Parkplatz mit mehr als 1.000 Stellplätzen in Steinwurfweite von der Kathedrale. Wie in HD 'ne halbe Stunde auf einen dann noch sauteuren Parkhausparkplatz warten? Haha... Non. Und Bourges ist kein Ausnahmefall, sondern eher die Regel. Poitiers allerdings beeindruckt auf der Ausfallstraße nach Westen mit einer sehr gekonnten roten Welle. Die funktionierte so perfekt, daß ich nicht umhinkann, deutsche Ingenieurskunst am Werk zu sehen und Technologieexport zu vermuten. Ich hab dann gleich mal nachgeschaut, ob Poitiers nicht etwa die Partnerstadt von Heidelberg ist (ist es aber nicht - es ist Montpellier. Ich ahne fürchterliches für den kommenden Mai, wo ich drei Wochen in Montpellier sein werde).

Das Beste, das Genialste, ja, das Allergeilste, anders kann ich's nicht ausdrücken, war allerdings die Fahrt über die Rocade von Bordeaux. *So* geil. Der Wahnsinn. Die Rocade ist der ca. 45km lange Autobahnring, der um die ganze Stadt gelegt ist. Sie ist dreispurig (meistens jedenfalls), zumindest in der Hauptverkehrszeit knüppelvoll, und bietet dem Automobilisten mit der 33 auf dem Kennzeichen (Gironde) die Möglichkeit zur freien Entfaltung wie sonst nur Magny-Cours oder der Circuit Paul Ricard. Überholt wird links und rechts auf allen Spuren, der Standstreifen wird im Zweifelsfall auch als Spur definiert und genutzt. Jede entstehende Lücke wird gnadenlos geschlossen, indem sich jemand dazwischenquetscht, von dem man gar nicht weiß, wo er so schnell hergekommen ist. Profis wechseln innerhalb von fünf Sekunden von ganz links nach ganz rechts und zurück und fahren danach vier Plätze weiter vorne. Wo von drei auf zwei Spuren verengt wird (z.B. vor den Brücken über die Garonne), wird trotzdem dreispurig weitergefahren, solange es irgendwie geht. Pfeif' auf Fahrbahnmarkierungen. LKW mischen kräftig mit und halten das erlaubte Tempo 110 ganz locker, oder fahren wenigstens die verkehrsbedingt maximal mögliche Geschwindigkeit. Das Sahnehäubchen sind die Motorrad- und Motorrollerfahrer, die die wenigen vorhandenen Lücken im wesentlichen ausfüllen, ebenfalls mit beeindruckendem Tempo unterwegs sind und beim Fahrbahnwechsel möglichst beachtet werden sollten, wenn man Kratzer am Kotflügel vermeiden möchte. Das klingt alles ganz furchtbar, aber nach fünf Minuten Eingewöhnungszeit unter Blut, Schweiß und Tränen findet man (bzw. fand jedenfalls ich) das richtig klasse. Ich wäre am liebsten gleich noch einmal ganz rund gefahren, einfach nur so, l'art pour l'art... Letztlich ist die gesamte Rocade übrigens nicht wesentlich stauanfälliger als die B39 bei Wiesloch (ich war in Bordeaux morgens und abends jeweils in der dicksten Rush-Hour unterwegs), vor allem, wenn man bedenkt, daß Bordeaux doch zehnmal so groß ist und auf der Pont d'Aquitaine auch noch eine Baustelle war.

4) UNMÜTIG SEIN

Unmut gibt's außer den schon oben erwähnten Anlässen natürlich auch wieder. Sonst wär's ja langweilig; außerdem ist man das ja seiner Heimat-Newsgroup schuldig. Bin ja anderweitig im Usenet nicht sonderlich aktiv.

Über die Vendée hab ich mich oben ja schon aufgeregt; hier gibt es jetzt noch eine Zugabe: Die Beschilderung auf den Straßen ist unter aller Sau. Das ging morgens in Marans schon los, wo nicht einmal das Stadtzentrum angeschrieben war und sämtliche Straßen das Zentrum nur berühren, um anschließend wieder in die Vororte zu führen. Da ist dann morgens um halb 9 der Tag schon quasi im Eimer. Um Fontenay-le-Comte herum kulminiert der Schwachsinn in mehreren Kreisverkehren ohne sinnvolle Beschilderung. Warum an einer Route Nationale eine drei Kilometer entfernte Stadt von 20.000 Einwohnern nicht angeschrieben ist, wissen vermutlich nur die Schilderaufsteller. Wenn überhaupt. Die Ehre der Region rettet in dieser Beziehung La-Tranche-sur-Mer, aber da war's dann eigentlich schon zu spät. Vendée: Du hast leider verloren.

Unmut über die drei Dummbratzen in Bourges, die ihren Kleinlaster auf dem halbleeren Hotelparkplatz natürlich ausgerechnet neben mein Auto stellen und nur zehn Zentimeter Abstand lassen. Ebenso selbstverständlich muß der Fetteste der Bratzen sich dann genau auf der falschen Seite aus dem Laster schälen: Tür auf - *Boing*. Danke, Cartman. Ich hab immerhin einen tollen Logenplatz am Zimmerfenster und erhalte eine Live-Vorstellung. Ja, ich weiß, ist nur ein Auto, und: "Don't be so German"...

Heftigster Unmut über die Biene, die in Maillezais meinte, mir ohne Vorwarnung ins Ohr fliegen und dort ohne Zögern zustechen zu müssen. Ob dieser fiese Selbstmordversuch wirklich geglückt ist, kann ich nicht sagen - ich hab ihr auf jeden Fall per pedes noch den Rest gegeben. Danach war ich dann mit meinem gefühlt 30kg schweren Ohr beschäftigt und konnte der noch eine halbe Stunde dauernden Klosterführung nicht mehr mit voller Konzentration folgen. Ich hab zwar noch tapfer Bilder gemacht (der Himmel war richtig fotogen an dem Tag), aber die Chance, noch in den Ruinen rumzuklettern, hab ich dann ungenutzt verstreichen lassen (größere Klettertouren in die Reste des Obergeschosses hätte aber ohnehin meine Höhenangst verhindert). Das Ohr jedenfalls sah tagelang ganz toll aus; genau das, was man so braucht, wenn man in Ch‚telaillon die Strandbunnys beeindrucken möchte. Im Winter hätte ich wenigstens ne Mütze drüberziehen können.


5) ESSEN, TRINKEN

Wer aus Frankreich zurückkommt und nicht vom Essen schwärmt, hat etwas falsch gemacht. Wenn man's richtig macht, klingt das zum Beispiel so: Gänseleberpastete mit Nußöl und Salat als Vorspeise, dann Rinderfilet und schließlich noch Crème Brulée als Dessert, dazu einen Bordeauxwein (Ch‚teau Lavagnac 1999). *Das* ist Urlaub, hier beispielhaft in Perigueux. Auch die anderen Restaurantbesuche haben sich gelohnt; so gab's zum Beispiel in Bourges ein "Filet du Brochet", was ich ganz bewußt trotz völliger Ahnungslosigkeit bestellt habe (no risk, no fun) und was sich als Hecht herausgestellt hat. (Jaja, zugegebenermaßen war das Risiko gar nicht mehr so groß, da ja schließlich das "Filet" schon dabeistand... oder gibt's Hirnfilet? Gibt's nicht. Eben.). Dann hab ich mir mal noch einen Salat Vendéenne gegönnt, mir wieder mit Froschschenkeln ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen kleinen grünen Freunden angefressen sowie einmal bei MCD Cheeseburger und Pommes... ääääh, *hüstel*, vergeßt's einfach. Merken sollte man sich hingegen folgende Käsesorten: Bethmale, Tomme Noire des Pyrénées, Cantal Jeune, Cousteron und vor allem Reblochon, den ich in beachtlichen Mengen verzehrt habe.

Was die Getränke angeht, genügt es eigentlich, wenn ich die Ortsnamen und die Regionen nenne, die auf der Fahrtstrecke lagen: Cognac, Bordeaux, Saint-Émilion, Médoc, Sauternes... Dabei hatte ich den Kofferraum schon voller Wein, bevor ich überhaupt in Bordeaux angekommen bin. Solche hochprozentigen Abartigkeiten wie den Gentiane letztes Jahr habe ich mir dieses Mal aber gespart und mich ganz auf den Wein und den Pineau de Charente konzentriert. Und der Verveine de Velay ist zuhause ja auch noch nicht alle.


6) INS REISETAGEBUCH SCHAUEN

07.09. Hinfahrt. Frankreichs Sportzeitung L'Equipe begrüßt mich mit einer Titelstory über Laure Manaudou. Was soll denn in diesem Urlaub noch schiefgehen?
08.09. Die Hauptnachrichtensendung bei TF1 meldet einen entlaufenen Orang-Utan im Département Drôme. Willkommen im französischen Sommerloch. Das gibt's hier also auch.
12.09. Die Nachrichten verkünden den Beginn der Jagdsaison. Diese Meldung stimmt auf jeden Fall, denn prompt laufen ab dem nächsten Tag immer mal wieder grüngekleidete Typen mit doppelläufigen Knarren in der Hand und Jagdhunden im Schlepptau über die Landstraßen. Manchmal würde ich ja mit dem Volvo auch gerne auf die Jagd gehen; kleinere Lenkbewegungen würden genügen...
13.09. Nochmal Nachrichten: Wegen Tollwutgefahr sollen nicht-geimpfte Hunde eingeschläfert werden. Fieses Grinsen wegen der grüngekleideten Typen von gestern.
14.09. Der kleine Ort *Beurlay* in der Saintonge hat eine Städtepartnerschaft mit *Burley* in England. Na, die zwei haben jedenfalls Humor...
16.09. Curzon (Vendée): In diesem kleinen abgelegenen Städtchen mache ich Picknick an der Dorfkirche. Eine halbe Stunde lang fährt genau ein Auto vorbei - mit SLS-Kennzeichen. So wie ich geschaut hab, haben die mich bestimmt für den Dorftrottel gehalten. Ja, ich weiß, die Verwechslung fällt nicht schwer. Bla.
16.09. Nachdem mir in Trizay schon wieder ein kläffender Köter den Klosterbesuch verdorben hat (ich berichtete schon 2003 und hatte damals schon Phantasien von einbetonierten Kleinhunden), bereiten die Meldungen über die Tollwut-Vorbeugungsmaßnahmen erst so richtig Freude.
24.09. Während ich in Fontguilhem im strömenden Regen nach den Resten des Zisterzienserklosters suche, kommt ein älterer Mann aus seinem Haus und erklärt mir in aller Seelenruhe den Weg und hält noch ein kleines Schwätzchen. Das sind die netten, kleinen Erlebnisse am Rande, die ich so mag. Klasse. In Deutschland hätte mir höchstens jemand erklärt, warum ich da nicht parken darf, wo ich parke.

Tja, so war das, im September 2004 in Frankreich. War wieder mal äußerst schön. Und ich hoffe, der Reisebericht hat Euch gefallen. Nächste Folge: Montpellier. Produktionstermin: Mai 2005. Sendetermin (natürlich hier): vermutlich Juli 2005.

Carsten


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